Wednesday, February 15, 2012

Zu einer Debatte ...

über folgenden Vorschlag möchte Jonathan euch auf unserem Blog einladen: 



DHW Break-JurorInnen direkt wählen
Placet Experiri

Dieser Artikel soll eine Idee vorstellen, die ich gemeinsam mit der Chefjury (Pauline Leopold und Clemens Lechner) und dem Tabmaster (Severin Weingarten) auf der Mitteldeutschen Meisterschaft in Jena ausprobieren will. Der Artikel hat das Ziel, eine konstruktive Diskussion darüber anzustoßen, um mögliche systematische Fehler besser zu erkennen. Es geht darum, dass wir auf der MDM den JurorInnenbreak nicht mehr durch die Setzung der Chefjury, sondern durch die Wahl der TeilnehmerInnen bestimmen wollen.
Ich habe relativ viel gedankliche Arbeit in den Modus investiert. Dennoch gibt es sicherlich noch Probleme, die bisher übersehen wurden. Wir, Chefjury und Ausrichter, wollen natürlich für die Mitteldeutsche Meisterschaft 2012 in Jena nicht nur aus Fehlern klug werden, sondern viele Fehlerquellen schon im Vorhinein ausschalten. Deswegen würde ich mich sehr über konstruktive Diskussion zu folgendem Vorschlag freuen:

JedeR HauptjurorIn erhält von jedeR RednerIn in ihrem bzw. seinem Raum nach der Debatte eine (geheime) Benotung in den beiden Kategorien Rechtfertigungsfeedback und Verbesserungsfeedback, die vom Tabmaster bzw. vom Ausrichter entgegengenommen werden. Die Differenzierung in die beiden Kategorien verhindert reines „Nettigkeitsfeedback”, das aber nicht konstruktiv ist.

Um eine möglichst valide Bewertung zu erhalten, sollen die Noten aufgeschlüsselt werden. Zum Beispiel wie folgt:

Rechtfertigungsfeedback
1 - Die Entscheidung ist sehr gut erklärt. Das Feedback hat alle Teams nachvollziehbar voneinander abgegrenzt. Selbst wenn ich vorher anderer Auffassung über die Rangfolge war, haben mich die vorgestellten Argumente für die von der Jury getroffene Entscheidung überzeugt.

2 - Die Entscheidung ist gut erklärt. Das Feedback ist auf die Abgrenzung aller Teams gegeinander eingegangen. Auch wenn ich nach dem Feedback immernoch in Detailfragen anderer Meinung bin, kann ich die Gewichtung der Jury nachvollziehen.

3 - Die Entscheidung ist schlecht erklärt. Die im Feedback genannten Beobachtungen der Jury sind zutreffend und im Wesentlichen vollständig, aber falsch gewichtet. Diese Gewichtung ist nicht erklärt worden. Ich sehe mindestens ein Team an einer ganz anderen Stelle (2 Ränge Abstand).

4 - Die Entscheidung ist falsch. Die im Feedback genannten Beobachtungen der Jury sind falsch oder grob unvollständig. Die Jury hat etwas Wichtiges übersehen. Ich sehe mindestens ein Team an einer ganz anderen Stelle (2 Ränge Abstand).

Verbesserungsfeedback
1 - Das Feedback hat konkrete Fehler von mir in der Debatte benannt und mir dazu verallgemeinerte Ratschläge gegeben. Bei den kritisierten Fehlentscheidungen hat mir das Feedback eine Alternative aufgezeigt. Das Feedback hat mir Tipps gegeben, wie ich mit einer persönlichen Schwäche gut umgehen kann. Ich kann diese Kritik in der nächsten Debatte anwenden. Das Feedback hat mich motiviert.

2 - Das Feedback hat konkrete Fehler von mir in der Debatte benannt und hat mir Alternativen aufgezeigt. Ich weiß aber kaum, wie ich die Kritik in die nächste Debatte übertrage.

3 - Das Feedback hat mir zu den benannten Fehlern keine Verbesserungsmöglichkeiten aufgezeigt. Das Feedback hat mich nicht motiviert.

4 - Das Feedback hat mir nichts gesagt, was mich weiterbringt. Ich fühle mich durch das Feedback persönlich angegriffen. Das Feedback hat mich demotiviert.


Gegen diesen Modus kann eingewandt werden, dass die NebenjurorInnen keine Chance auf einen Break hätten. Das stimmt. Allerdings ist dieser Modus damit nicht schlechter als der Status Quo: Wenn die Chefjury heute eine Jurorin oder einen Juror für möglicherweise breakfähig hält, setzt sie sie bzw. ihn als HauptjurorIn in einer Vorrunde und einE ChefjurorIn als NebenjurorIn dazu, um ihre Hypothese zu überprüfen. Die Chefjury hat damit sowohl heute als auch im neuen Modus einen gewissen Gestaltungsspielraum im Vorfeld der Entscheidung über den Break. Außerdem lässt sich darüber nachdenken, ob nicht jedeR JurorIn mindestens einmal als HauptjurorIn gesetzt werden sollte.
Warum soll überhaupt gewählt werden?

Beim JurorInnenbreak in seiner heutigen Ausgestaltung gibt es ein strukturelles Problem, das aus einer Selbstbezüglichkeit des Verfahrens resultiert. Die Selbstbezüglichkeit entsteht, wenn ChefjurorInnen die Feedbackbögen interpretieren müssen, die sie selbst betreffen. Nur unter der Prämisse, dass ChefjurorInnen niemals Fehler machen, ist das jetzige Verfahren gut. Diese Prämisse ist unrealistisch – Irren ist menschlich. Die Chefjury ist durch das JurorInnenfeedback nur formal, aber nicht wirksam kritisierbar. Das selbstbezügliche Verfahren errichtet eine Kapsel, die der Chefjury den Zugang zur produktiven Wirkung der Kritik vorenthält.
Das hat nicht nur Nachteile für die ChefjurorInnen, sondern in erster Linie auch für die Jurierqualität des Turniers. Denn es bedeutet, dass mit der Wahl der Chefjury jemand bestimmt wird, der unabhängig von der eigenen Jurierleistung auf dem Turnier breakt. Mit dieser Unabhängigkeit geht ein wichtiger Anreiz verloren, gut zu jurieren. Dieses Problem wird auch nicht durch die Tatsache ausgeräumt, dass die Chefjury ohnehin sehr gut ist. Sie müsste perfekt sein, damit das Verfahren gerechtfertigt ist. Auch in der Chefjury sitzen Menschen, sodass es ein positives Restrisiko gibt, dass auch ChefjurorInnen Fehler machen.

Die JurorInnen haben bei BPS keine Möglichkeit, sich mit Nettigkeitspunkten bei den RednerInnen beliebt zu machen, weil diese die Punkte nicht erfahren. Das wird dazu führen, dass die JurorInnen besonders auch auf die Jurier- und Feedback-Interessen der VerliererInnen eingehen werden, damit sie auch von diesen gewählt werden. Das kann durch konstruktive Kritik und durch genaue Jurierung geschehen – zwei Dinge, die begrüßenswert sind und die eine gute Jurierung ausmachen. Deswegen halte ich die JurorInnenwahl für ein geeignetes Mittel, die Jurierung zu optimieren. Ich freue mich deshalb schon über Eure Verbesserungsvorschläge!


Jonathan Scholbach

18 comments:

  1. Soll das heißen, dass auch Chefjuroren womöglich nicht breaken, weil sie abgewählt werden...? Unabhängig davon:

    Dagegen,

    1) weil in Finalrunden andere Qualitäten gefragt sind. Eine Diskussion zu leiten bzw. konstruktiv an dieser teilzunehmen ist etwas anderes als Feedbacken.

    2) weil es nie gelingen wird, jeden einzelnen Redner zu zwingen, eine Note abzugeben. Mancher Redner fühlt sich da vielleicht auch gar nicht kompetent, insbesondere in der wichtigen Rechtfertigungskategorie. Und vielleicht liegt mancher Redner mit dieser Selbsteinschätzung richtig.

    3) weil es Feedback nur in drei Runden gibt. Das ist nicht signifikant. Manch einer wird vielleicht auch nur ein oder zwei Mal feedbacken dürfen, weil halt rotiert wird oder jemand in Runde 1 noch im Stau stand.

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    1. @ Manuel: Ja, das soll das heißen.

      ad 1) Die Differenzierung scheint mir strittig. Wer den Redner/innen seine Meinung nachvollziehbar erklären kann, kann sie sicher auch seinen Cojuror/innen nachvollziehbar erklären.

      ad 2) Wieso sind nicht abgegebene Stimmen ein Problem?

      ad 3) Das scheint mir bedenkenswert.

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    2. zu 2: Einerseits wegen der Signifikanz (du brauchst viele Datenpunkte) und andererseits fällt Feedback von Verlierern grundsätzlich schlechter aus. Habe ich Pech, sind es die Sieger, die auf Feedback für mich verzichten.

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  2. Daniel aus FrankfurtFebruary 16, 2012 at 8:28 PM

    Zunächst einmal ist das System in der vorgestellten Form spätestens bei mehr als einem Nebenjuror problematisch. Selbst bei einem Nebenjuror soll die Jury ja eine Diskussion über das Ergebnis führen - diese kann länger oder kürzer sein, und es ist ja wohl nicht zwangsläufig eine "Schlechtleistung" des Hauptjurors, wenn sie länger dauert. Mehr Diskutierzeit bedeutet aber je nach Zeitplan gegebenenfalls weniger Zeit, um ein tolles Feedback zu geben.
    Wenn man nun aber als Hauptjuror von seinen Nebenjuroren überstimmt wird, muss man im Feedback ja anders vorgehen, als wenn man die eigene Meinung erklären würde (es sei denn, man erklärt trotzdem die eigene Meinung, aber das ist ja wohl nicht erwünscht).
    Wichtig wäre zu wissen, wie die Noten dann in ein Ranking gemünzt würden. Ich halte es im Hinblick auf die Entscheidungsqualität der Breakjuroren für keine gute Idee, Verbesserungsfeedback genauso hoch wie Rechtfertigungsfeedback oder noch höher zu gewichten; als Redner würde ich dagegen das Verbesserungsfeedback wichtiger finden.
    Würden gute Redner signifikant andere Durchschnittsnoten geben als schlechte Redner? Dann wäre es ja unfair, beispielsweise guten Räumen die besseren Hauptjuroren zuzuweisen (aber vielleicht will die Chefjury das diesmal ja gar nicht).
    Schließlich müssen wir uns auch fragen, was denn so schlimm daran ist, dass die Chefjury den Jurorenbreak bestimmt. Anscheinend finden wir ja, dass die Bewertung von Experten vorgenommen werden sollte (sonst könnten wir in den Finalrunden ja das Publikum entscheiden lassen (was bei einem Redewettstreit meines Erachtens an sich keine unintuitive Idee ist)). Wenn dem so ist, wollen wir wirklich, dass Juroren die Finalrunden bewerten, die gewissermaßen die Mehrheit der auf dem Turnier Debattierenden vertreten? Als Alternative hätten wir die Entscheidung der Chefjuroren, und auf den meisten Turnieren füllen die Chefjuroren doch mit gutem Grund diese Rolle aus, oder etwa nicht? Ich bezweifle auch, dass typische Chefjuroren wirklich Anreize brauchen, "gut" zu jurieren. Wäre (mal unabhängig von den "technischen" Schwierigkeiten) die vorgestellte "demokratischere Jurorenwahl" gegenüber der Expertenkooptation, die der Status Quo für uns darstellt, wenn wir den Chefjuries generell Expertenlevel unterstellen, in unserem Rahmen wirklich ein überlegenes Modell?

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    1. @Daniel (Frankfurt):

      Das mit der Zeit ist ein guter Punkt. Die Veranstalter sollten also den Zeitplan großzügig gestalten und seine Einhaltung strenger einfordern, als bisher üblich.

      Für das Überstimmungsproblem gibt es eine Lösung. Es kommt relativ selten vor, und in diesem Fall könnte man der/m Hauptjuror/in das Recht geben, das Feedback von den Nebenjuror/innen zu erzwingen. Ich meine, ich habe schon Turniere erlebt, wo das ohnehin auf diese Weise gehandhabt wurde.

      Die Gewichtung ist ein interessanter Aspekt. Ich war bisher von gleicher Gewichtung der Faktoren ausgegangen. Kannst Du vielleicht noch genauer erläutern, warum Du eine stärkere Gewichtung des Verbesserungsfeedbacks als Redner vorziehen würdest und wie die Gleichgewichtung tendenziell zu einer schlechteren Entscheidung führt?

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  3. Kurz eine konkrete Nachfrage an die Initiatoren: Wie soll der Jurorenbreak in den Finalrunden gestaltet werden, also z.B. vom Halbfinale ins Finale?

    Grüße,

    DS

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    1. @Daniel (Heidelberg):

      Ich hatte es mir bisher so vorgestellt: Die besten 2k Juror/innen breaken ins Halbfinale, die besten k breaken ins Finale. Hast Du eine andere Möglichkeit im Hinterkopf?

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    2. Nein, nichts anderes im Hinterkopf, aber dieses befürchtet – ohne innerhalb des Modells eine andere Lösung zu sehen. So wird aber ein großer Teil des Wettbewerbs ausgeschaltet. Unzulässig verallgemeinernd auf Debattanten übertragen: Man spart sich einfach die KO-Runden und lässt gleich die besten Teams der Vorrunden im Finale gegeneinander antreten, die Finalisten stehen ja bereits fest. Ich könnte mich als Juror z.B. durch hervorragende Leistungen im 1/4-Finale nicht mehr für das 1/2-Finale qualifizieren usw. Ich bin aber schon immer ein Verfechter der These gewesen, das Jurieren ebenfalls als Wettbewerb zu betrachten, um es so populärer zu machen und mehr gute Juroren auf Turniere zu locken.

      Auch könnten eklatante Schlechtleistungen eines Jurors in den KO-Runden nicht mehr dessen Einzug ins Finale verhindern. Damit wird aber die Idee, ein „automatisches Break“ irgendwelcher Juroren zu verhindern, relativ krude konterkariert.

      Mehr Senf unten als neuer Beitrag.

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  4. Hallo,
    ich finde das Problem der mangelnden Zeit darf nicht unterschätzt werden - es braucht Zeit,um optimal zu Jurieren, zu Feedbacken und um Juroren zu bewerten. Auf wie vielen Turnieren haben wir alle schon beim Mittagessen Feedback gehört oder gegeben....? Und, bitte, die Turniere haben doch nicht aus Jux und Dollerei einen straffen Zeitplan, sondern weil es gilt, durch möglichst viele Vorrunden das beste Team zu ermitteln und das ganze noch an einem Wochenende, auch bei stundenlanger Anreise am Freitag...
    Ich wäre nicht bereit, für einen möglicherweise besseren Jurorenbreak auf eine Vorrunde zu verzichten!
    Viele Grüße,
    Almut Graebsch (aus München)

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  5. Gibt es eigentlich ein Problem mit der Setzung durch CJ. Mir ist noch nicht bekannt geworden dass massenweise unqualifizierte Juroren in irgendwelchen Breakrunden saßen. Daher scheint mir diese Regelung vor allem ein Mißtrauensvotum gegenüber den CJ zu sein. Und da das CJ sein nicht nur Ehre sondern auch eine Menge Arbeit mit sich bringt erscheint es mir nioht angemessen, mit so einer Regelung den CJ an den Kram zu flicken.

    Daher klar dagegen.

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  6. Ich möchte Nicolas da ganz klar unterstützen: mir ist keine gravierendes Problem im Status Quo bekannt. Könnten die Initiatoren dort vielleicht einen Hinweis geben? Andernfalls: If it is not broken, don't fix it!

    Noch grundsätzlicher aber schein mir auch die Idee einer popularitätsbasierten Auswahl nicht ideal zu sein. Ich glaube, es gibt einen guten Grund warum wir z. B. unsere Richter und Staatsanwälte (anders als andere Nationen) nicht demokratisch bestimmen, nämlich weil es im Zweifelsfall einen abschreckenden Effekt bei unpopulären Entscheidungen hat. Ja, es gibt zweifelsfrei eine starke Korrelation zwischen guten Juroren und beliebten Juroren, aber ich bin fest davon überzeugt, dass die Korrelation von guten Juroren und von der Chefjury gewählten Juroren deutlich höher ist. Immerhin hat die Chefjury einen Einblick in die Beliebtheit der Juroren, aber die Wähler haben keinen Einblick in die Informationen der Chefjury.

    Und schliesslich: Die Idee die Chefjury rauszuwählen halte ich für offensichtlichen Unfug. Schon deshalb, weil eine gute Chefjury bei einem großen Turnier in den Vorrunden überhaupt nicht juriert, wenn ausreichet Juroren vorhanden sind, sondern sich auf ihre Managementaufgaben konzentriert.

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    1. Hehe, Hoppmann... CJ, die nicht selber mitjurieren müssen, sondern sich auf ihre Kernaufgaben konzentrieren können? Das gab es schon so lange nicht mehr, dass sich außer Dir kaum noch jemand an diese Vorstellung erinnern kann ;)

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  7. Als Experiment ist das sicher interessant. Aber zu welchem letztlichem Zweck?

    Bisher scheinen wir den Jurorenbreak als meritokratische Technokratie zu sehen, wobei auch Redner- und Jurorenfeedback einbezogen wird. Die Chefjuroren sind von negativen Wirkungen dieser Feedbacks ausgenommen, weil "Chefjuroren immer breaken" und weil sie sich nur schlecht selbst kontrollieren können. Aber sinnvollerweise wurden sie nur berufen, weil sie sich bereits auf anderen Turnieren meritokratisch bewährt haben und zu erwarten ist, dass sie das auch weiter tun werden.

    Ich halte das für ein generell sinnvolles, einfach zu handhabendes System. Wenn einzelne unqualifizierte Chefjuroren berufen werden, ist das für mich nicht so sehr ein Problem des Systems, sondern eins dieser faulen Äpfel und ihrer Förderer. Sie können durch Mundpropaganda ("schlechter Juror", "schwache Motions" usw.) in der Debattiergemeinschaft wirksames Feedback erhalten, und notfalls fährt man nicht auf Turniere, auf denen sie chefjurieren, kann sie also boykottieren.

    Andererseits könnte eine Abwahl eines Chefjurors durch Turnierteilnehmer dieses Qualitätssignal klarer senden. Der Vollständigkeit halber kann man ja auch Stimmen der Nebenjuroren einbeziehen und weitere Faktoren, wie man es beim Jurorenfeedback schon heute macht, um den bestmöglichen Break zu erhalten. Also, als Experiment ist es auf jeden Fall interessant, und ich würde vorschlagen, es zu tun.

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  8. Stefan Altmann (früher Dresden & München)February 17, 2012 at 4:50 PM

    Ich bin auch klar gegen diesen Vorschlag.

    Zum einen werden die Chefjuroren vom Ausrichter bestimmt, um die Jurierqualität beim Turnier im Sinne des Ausrichters zu sichern. Die Chefjuroren derart zu entmachten und potenziell abwählbar zu machen, greift daher in die Autonomie des Ausrichters ein. Zumal sicher gilt: Ein Chefjuror, der einen schlechten Job macht, wird aufgrund der Kommunikation der Ausrichter untereinander sicher kein zweites Mal gebeten, diese Position auszufüllen.

    Zum anderen ist zu bedenken, dass nicht alle Bewertungen gleich sind. Manche Debatten sind einfach wesentlich schwieriger zu jurieren als andere. Das vorgeschlagene System läuft damit Gefahr, hauptsächlich die Juroren aus einfach zu jurierenden, eindeutigen Debatten zu befördern und die Juroren aus engen, schwierig zu jurierenden Debatten (die aber eben die Abwägungserfahrung haben, auf die es in den Finalrunden ankommt) ausscheiden zu lassen.

    Zudem sind sicher auch die Debattierer sehr heterogen in ihrer Bewertungsfähigkeit einer Debatte und einer Jurierung. Es macht wohl einen Unterschied, wie ein erfahrener Debattierer eine Begründung sieht, und wie ein Turnierneuling das tut. Sind deren Bewertungen des Jurors damit gleich aussagekräftig? Ich behaupte: NEIN!

    Mit einem slippery slope-Argument, dass Juroren sich genötigt fühlen könnten, zum Zwecke des Jurorenbreaks gefälliger zu entscheiden, will ich gar nicht ankommen.

    Ich gestehe zu: Die Chefjuroren können Hilfe bei Ihrer Entscheidung über Jurorenbreak und -ansetzungen gebrauchen. Ein unterstützendes Feedbacksystem kann da helfen, ist aber in der Vergangenheit meist am Zeitdruck gescheitert. (Simpel und einfach - irgendwer muss die Bewertungen irgendwann vor dem Break ja auch auswerten.)

    Daher: Grundgedanke nicht schlecht, aber in dieser Form sicher eine nicht zuträgliche Idee für das Debattierwesen.

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  9. Placet!, weil es sich lohnt, so etwas einmal auszuprobieren. Im schlimmsten Fall sagen wir danach, „Nö, das war nix!“. Im besten Fall lernen wir etwas daraus. Aber ich bin ebenfalls skeptisch. Vom Senf nur das neue:

    a) Auch ein Juroren-Ranking sollte nicht nur quantitatives, sondern auch qualitatives Feedback berücksichtigen. Denn auch Juroren wollen dazulernen, sich verbessern. Auch sie benötigen dafür konkrete Kommentare und Anregungen, nicht bloß Note „1“ oder „4“. Zudem hat allein die Bewertung „Note 3“ nur geringe Aussagekraft. Qualitative Ergänzungen können ihre Aussagekraft konkretisieren. Die Beurteilung ihrer Aussagekraft müsste aber wiederum von irgendjemandem vorgenommen werden, würde also die CJ (wer sonst?) durch die Hintertür wieder einführen und damit die ganze Idee ad absurdum führen…

    b) Ich würde mich freuen, wenn ein Vorschlag zur Reform des Jurorenbreaks auch auf die Diskussionen der Vergangenheit eingeht und die Stichworte „Transparenz“ und „Legitimation“ nicht außen vor lässt. Also: Wann wird was wie wozu öffentlich gemacht? Und weshalb wäre die neue Legitimation des Breaks besser als die alte?

    c) Klar, ein guter Juror kann beides, „Rechtfertigungsfeedback“ und „Verbesserungsfeedback“. Warum aber sollte „Verbesserungsfeedback“, obwohl es in den Breakrunden nicht mehr gefordert wird, als breakentscheidendes Kriterium herangezogen werden?

    d) Das vorgeschlagene Ranking setzt zwei Prämissen voraus, die ich nicht teile. Es unterstellt erstens, dass es in jeder Debatte „richtige“ und „falsche“ Entscheidungen gibt. Damit wird aber die Debattenrealität nur unvollständig abgebildet. Es unterstellt zweitens, dass es jurorenbreakentscheidend sein darf, wenn Debattanten mit dem Feedback „Mir als Juror ist in Deiner Rede nicht deutlich geworden…/Du konntest mir nicht erklären.../etc.“ unzufrieden sind. Damit wird aber der schwarze Peter im Dreieck aus Sender, Botschaft und Empfänger zu Unrecht den Juroren auf die Stirn tätowiert.

    Dennoch: Ausprobieren und Erfahrungen sammeln!

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    1. ad a) Gute Idee. Eine verbale Einschätzung ist eine in meinen Augen einfach zu ergänzende Zusatzinfo, die für JurorInnen sicher nützlich ist. Das Problem des unendlichen bzw. zirkulären Einschätzungsregresses halte ich für nicht soo problematisch. Klar kann man die Abbildung der Realität niemals perfekt aufhängen. Am Ende muss man selbst entscheiden, welche Kritik man für berechtigt hält, und man sich für das eigene Lernen nutzbar machen kann/will. Der Nutzen der JurorInnen aus dem qualitativen Re-Feedback könnte aber bspw. unabhängig von seinem Einfluss auf den JurorInnenbreak gewonnen werden.

      ad b) Kannst Du noch was zu den "Diskussionen der Vergangenheit" sagen? Ich wusste nicht, dass es schonmal Diskussionen über den JurorInnenbreak gab. Sind die vielleicht irgendwo dokumentiert? Ich würde mir das natürlich gern zu Gemüte führen...

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    2. Oha! Ja, die sind irgendwo dokumentiert, weil sie in erster Linie in der 8. Minute und über den VDCH-Verteiler ausgefochten wurden. Genaue Fundstellen habe ich aber nicht parat (Bueller?... Bueller?... Bueller?). Im Kern gab es immer wieder mal verschiedene Meinungen dazu, ob das bestehende Modell Defizite bei der Transparenz der Entscheidung und der Legitimation der Entscheidungsgrundlagen aufweist. Ob das Jurorenbreak also in anderer Form „besser“, „weniger willkürlich“ und „nachvollziehbarer“ gestaltet werden könne, und wie sich diese Kriterien zu dem Ziel verhalten, in den KO-Runden möglichst „gute“ Entscheidungen herbeizuführen.

      Persönlich bin ich zwar ein großer Fan der bestehenden Praxis, begrüße aber natürlich die Suche nach Verbesserungsmöglichkeiten. Transparenz und Legitimation ließen sich dabei auch noch um einen dritten Punkt zur klassischen Troika der Jurorenbreak-Diskussion erweitern: die Nachwuchsförderung. Vereinfacht auf Euer Modell übertragen: Angenommen, dass „erfahrenere“ Juroren tendenziell auch „bessere“ Juroren sind, werden es gerade Nachwuchsjuroren schwer haben, nur über ein Ranking und ohne gewichtende Fürsprache der CJ das Jurorenbreak zu schaffen.

      Grüße,

      DS

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  10. Hallo Jonathan,

    für alle, die - wie ich - nicht viel lesen wollen: Weiter unten steht ein technisches Argument, warum das System nichts verbessern KANN.
    Falls ich darüber hinaus hier etwas von mir lasse, was schon gesagt wurde, tut mir das leid.

    Aber zunächst: Auch ich teile Deine Prämisse nicht, dass es ein großes Problem gibt. Insbesondere halte ich Deine Formulierungen für ein formidables Beispiel dafür, wie man versucht, eine Debatte durch die Verwendung von konnotierten Begriffen zu gewinnen.
    Du behauptest laufend, der Status Quo wäre nur dann "gut" und "gerechtfertigt", wenn Chefjuroren "perfekt" seien. Ich weiß beim besten Willen nicht, wie Du zu solchen Behauptungen kommst. Dass Chefjuroren breaken, ist nicht nur dann gerechtfertigt, wenn sie perfekt sind, sondern dann, wenn sie zu den besten Juroren des Turniers zählen. Wenn das nicht der Fall sein sollte, ist das der Fehler der Ausrichter und man sollte eher da ansetzen statt einen neuen Formalismus einzuführen.
    Und der Nutzen, Feedbackbögen zu interpretieren, die einen selbst betreffen, ist auch umso größer, je besser die Chefjuroren sind. Er ist nicht nichtig und wird dann spontan "gut" sobald die Chefjurorenqualität auf "perfekt" steigt.
    Ich weiß nicht, was dieses Perfektionsgerede soll, außer Leute voreingenommen zu machen.

    Ich habe keine Lust, in die Mikroanalyse dieses Systems zu gehen. Das endet sowieso nur in müßigen Debatten über menschliches Verhalten. Aber ich bin überzeugt, dass dieses System nicht die fähigsten Juroren in den Break befördert.


    Hier das technische Argument:


    Deswegen hier ein technisches Argument, das Deinem neuen System das Rückgrat bricht. Auf einem üblichen Turnier strebt man etwa an, dass ein viertel bis drittel der Teams breaken. Wenn man also beispielsweise 8 Räume (also 32 Teams) hat, veranstaltet man ein Halbfinale, in das dann 2 Räume breaken (1/4). Ab einem Turnier mit 52 Teams (13 Räumen) macht es Sinn ein Viertelfinale zu veranstalten (4 Räume / etwas weniger als ein Drittel). Gehen wir also davon aus, dass wir bei einem Turnier mit N Räumen N/4 Räume in der ersten Ausscheidungsrunden habe. Wenn wir mindestens 4 Juroren pro Raum in den Ausscheidungsrunden haben wollen, brauchen wir also N Juroren im Break. Wenn also die Chefjuroren bestimmen, wer Hauptjuror in den Vorrunden ist, können sie N Juroren auswählen, diese immer als Hauptjuror setzen, sodass nur diese N Juroren Feedback bekommen. Und damit können sie absolut sicher sein, dass “ihr” Break realisiert wird. Du setzt also einen Anreiz, dass Chefjuroren weniger ausprobieren.
    Du behauptest, dass das Problem, dass Nebenjuroren nicht breaken können, genau so ist, wie im Status Quo. Das ist nicht korrekt. Im Status Quo können Chefjuroren nämlich Nebenjuroren als Hauptjuror “testen”, ohne Angst zu haben (durch ein krudes Feedback oder einfach nominell, s.o.), ihre eigenen Breakchancen zu verringern.

    Um es klar zu sagen: Im neuen Modus, können Chefjuroren ihre Interessen exakt genau so durchsetzen wie vorher. Und das schlechte ist, dass sie weniger Leuten die Chance geben werden, sich zu beweisen, weil ihnen das immer potenziell zum Nachteil gereichen kann.
    Das Einzige, das Du dagegen tun kannst, ist, den Chefjuroren die Setzung der Vorrunden zu entziehen. Falls Du das vorhast, würde ich es begrüßen, wenn die Chefjuroren dann in Zukunft einfach TK gennant werden - Themenkotzer.

    Abgesehen davon: Es soll ja Chefjuroren geben, die schon berufstätig sind. Die gerne auf Turniere fahren und von deren Erfahrung wir extrem profitieren. Wenn Du denen sagst, dass sie sich noch beweisen müssen, damit sie im Finale nicht in der dritten Reihe sitzen müssen, glaube ich nicht, dass die sich das noch antun werden.


    Veränderung ist kein Selbstzweck.

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